Völklingen (Saarland)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
Letzte Änderung: 29.11.2025

Völklingen ist ein kleiner Ort im Saarland mit einer langen Bergbau- und Hüttentradition und liegt an der Saar-Strecke, die Saarbrücken mit Trier mittels einer Eisenbahn verbindet. Seit 1858 verfügt der Ort über einen Bahnanschluss, damals nur mit einer Verbindung bis nach Merzig. 1860 stand die Verlängerung bis Trier. Endziel war, das Saargebiet mit dem Ruhrgebiet und den Nordsee-Häfen zu verbinden.

Röchlingsche Eisen- und Stahlwerke - Völklinger Hütte (UNESCO-Weltkulturerbe)

Der Hütteningenieur Julius Buch gründet 1873 ein Puddel- und Walzwerk an der Saar bei Völklingen. Billiger englischer Stahl zwingt ihn 1879 zur Betriebsaufgabe. 1881 kaufte Carl Röchling die Völklinger Hütte. Mit seinen Brüdern Theodor, Ernst und Fritz hatte er zuvor bereits die Gebr. Röchling KG in Mannheim betrieben, die Koks produzierte und Eisen industriell verarbeitete.

Als Röchlingsche Eisen- und Stahlwerke GmbH Völklingen an der Saar entwickelte sich das zuvor gescheiterte Unternehmen zu einem Erfolg. Dabei halfen auch die Bahnstrecke zwischen Saarbrücken und Trier und die Aufnahme des zuvor von Frankreich besetzt gehaltenen Gebietes Elsass und Lothringen wegen der dort vorrätigen Steinkohlen, aber mehr noch wegen der reichen Eisenerzlagerstätten hinter Metz. 1883 konnte Röchling den ersten Hochofen in Betrieb nehmen. 1890 kann sich Röchling größter Eisenträgerhersteller Deutschlands nennen. Im Jahr darauf kann dank der Einführung des Thomas-Verfahrens auch Minette aus Lothringen, also gering eisenhaltiges Erz, verhüttet werden. 1897 erwirbt Röchling ein Patent zur Elektrostahlproduktion und lässt die erste Koksbatterie aufbauen.

1898 übernahm Carls Sohn Hermann wichtige Aufgaben. Er modernisierte die Hütte und führte die Produktion von Edelstählen ein. 1911 baute man die Hängebahnanlage zur Hochofenbeschickung und die weltweit erste Gichtgasreinigung. Der Bau der Möllerhalle folgte 1913. Während des Ersten Weltkriegs lieferte Röchling bis zu 90 Prozent des Rohstahls für die ab 1916 ausgegebenen neuen Stahlhelme der deutschen Armee. Außerdem lief auf seinem Fabrikgelände die Herstellung von Artilleriegeschossen. 1917/18 wird der Wasserhochbehälter aus Stahlbeton gebaut. 1928 fügen die Ingenieure der Hütte die modernste Sinteranlage Europas hinzu.

Im Laufe der Jahre wuchs die Hütte nicht nur technisch. Es entstanden auch Arbeitersiedlungen, ein firmeneigenes Krankenhaus und eine Milchküche für Kleinkinder. Das Unternehmen brauchte sehr viele Mitarbeiter und die Arbeit in den Anlagen war sehr schwer, gesundheitsschädlich und gefährlich. Es gab viel Unfälle, Verletzte und auch Tote.

Für seinen eigenen Profit arbitete Hermann Röchling mit den Nationalsozialisten zusammen. Er trat in die NSDAP und wurde erst "Wehrwirtschaftsführer" und später "Oberster Beauftragter für Eisen und Stahl in den besetzten Gebieten". So sicherte er sich billige Rohstoffe und Arbeitskräfte. 1936 drängte Röchling auf den Entscheidungskampf mit den Bolschewisten, also auf einen Krieg gegen die Sowjetunion. Rund 12.000 Ausländer mussten bei Röchling Zwangsarbeit leisten - Menschen aus der Sowjetunion, Franzosen und Italiener.

Nach dem Kriegsende 1945 kam die Völklinger Hütte unter französische Zwangsverwaltung (Sequester), wobei es blieb bis zur Eingliederung des Saargebiets 1956 in das Territorium der jungen Bundesrepublik Deutschland. Die Hütte produziert zu jener Zeit Roheisen, Stahl, Eisenbahnoberbaumaterial, Form- und Stabeisen, Träger, Walzdraht, Bandeisen, Ammoniak, Teer- und Benzol-Produkte, Schlackensteine, Schlackensand, Pflastersteine, Thomasmehl und Zement. 1949 wird Herrmann Röchling wegen Kriegsverbrechen zu 10 Jahren Haft verurteilt. Er verliert seine bürgerlichen Ehrenrechte, sein Vermögen wird eingezogen.

1965 erreicht das Unternehmen die höchste Mitarbeiterzahl seiner Geschichte: 17.000 Werktätige. Fortan geriet die Stahlbranche immer weiter unter Druck. Dabei wirkten verschiedene Faktoren. Der Stahlbedarf der Eisenbahn ging zurück, was bis etwa 1970 durch den Bedarf der Baubranche und des Automobilbaus kompensiert wurde. Doch diese Märkte kühlten sich ab. Hinzu kamen die wachsende Konkurrenz aus Asien, insbesondere Japan und Südkorea, und schließlich die Ölkrise 1973 und die deutliche Teuerung auf dem Rohstoffmarkt in deren Folge. In den 80er Jahren brach zudem der Schiffsbau ein. Die Stahlindustrie begegnete dem mit Fusionen, Stellenabbau und technischem Fortschritt. 1980 entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Völklinger Hütte ein neues Stahlwerk. 1986 ist schließlich das Ende gekommen für das alte Werk. An etlichen Stahlstandorten im Saarland und im Ruhrgebiet gehen die Lichter aus. Gegen den Kahlschlag können auch die vielen protestierenden Stahlarbeiter nichts ausrichten. Deutschland erlebt eine erste Welle der Deindustrialisierung.

Viele Fabriken verrotten, verfallen und werden abgerissen. Nicht so in Völklingen. Die alte Hütte bleibt, wird ein Museum und schließlich 1994 UNESCO-Weltkulturerbe.

Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025 Voelklinger Huette, Foto: Martin Schramme, 2025

Das Gelände der Völklinger Hütte umfasste mehr als 100 Kilometer Eisenbahngleise. In der Kokerei gewann man praktisch reinen Kohlenstoff für den Hochofen-Prozess (Koks). In der Möllerhalle mischte man (mischen = möllern) Erze aus aller Welt. In der Sinteranlage wurden Eisenstäube zu idealem Rohstoff für die Hochöfen gebacken (sintern). Hängebahn-Wagen transportierten die Rohmaterialien zu den Hochöfen, um sie damit zu befüllen (begichten). Mit Wasser aus der Saar berieselte man die Hochöfen, damit sie unter den extremen Bedingungen länger arbeiten konnten. Auch das in den Hochöfen entstandene Gichtgas wurde genutzt.

Wichtige Elemente der Völklinger Hütte
Wasserhochbehälter: erbaut 1917-18, komplett aus Stahlbeton, Betrieb von 1918 bis 2013, einer der größten jemals gebauten Wassertürme.
Sinterrundkühler: Baujahr 1970, Kühlanlage mit einem großen, drehbaren Teller zur Luftkühlung des Sinters
Sinteranlage: Industrielle Anlage zur Aufbereitung feiner Rohstoffe wie Eisenerz, Koks und Zuschlagstoffen, die durch Erhitzen und Zusammenschmelzen zu größeren, porösen Brocken (Sinter) verbunden werden.
Hängebahn: Anlage, auf der motorisierte Wagen im Schwebebahnprinzip in einem Kreislaufsystem fahren, um Möller (Gemisch aus Koks und Erzen) zu den Hochöfen zu transportieren.
Möllerhalle: Baujahr 1913, Stahlbeton-Großbau, drei Ebenen - oben Rohstoffzufuhr durch Züge, darunter Lagerung der Hochofenmischung aus Eisenerz, Sinter, Schrott und Kalk und unten Halle mit Hängebahnwagen zum Möllertransport.
Erzschrägzug: Über ein einziges Gleissystem wurden die Ausgangsmaterialien in die Hochöfen geschüttet. Die Installation des elektrischen Skips erfolgte zwischen 1911 und 1918.
Hochofengruppe mit Winderhitzern: Bauzeit 1883 bis 1916
Trockengasreinigung: errichtet in den Jahren 1911/1912, 1913/1917 und 1922 bis 1926. Die Saarländer erfanden die Trockengasreinigung. Nach der Reinigung konnte man das Gas für Sinteranlage, Kokerei, Winderhitzer, Gebläsemaschinen und Dynamos einsetzen.
Kokerei: Anlage zur Herstellung von Koks aus Kohle. In der Völklinger Hütte begann man 1897 mit der ersten Kokerei.

Hintergrund zur Geschichte der Eisen- und Stahlproduktion
Das Volk der Hethiter, dessen Reich sich einst weitgehend auf dem Territorium der heutigen Türkei erstreckte, entdeckten Eisen im 14. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung. Nach heutigem Kenntnisstand waren sie die ersten Menschen, die entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten hatten und nutzten.

Eisen ist eines der häufigsten Elemente auf der Erde. Es gehört zu den so genannten leichten Elementen, die durch Kernfusion entstehen. Das Eisen steht dabei am Ende folgender Fusionskette: Am Anfang der Kette entsteht bei hohen Druck und hoher Temperatur aus Wasserstoff Helium, aus dem Helium wird in der nächsten Fusionsstufe Kohlenstoff. Aus dem Kohlenstoff wird Neon, aus Neon wird Sauerstoff, aus Sauerstoff wird Silizium und aus Silizium wird Eisen.(1)

Eisen ist in Erzen gebunden, was zumeist ein Gemisch aus Eisenoxiden (schwarzes Eisenoxydul, rotes Hämatit und grauschwarzes Magnetit) und Karbonaten ist. Die Eisenerze sind in der Regel vulkanischen Ursprungs. Die größe bekannte Eisenerzlagerstätte befindet sich im Raum Bakchar in Westsibirien, also Russland. Die größte Eisenerzmine ist die Carajás-Mine in Brasilien. Der größte Eisenerzförderer der Welt ist Australien. Die größten Eisenerzförderer in Europa sind Russland, Schweden und die Ukraine. In Deutschland gewann man das meiste Eisenerz im Großraum Salzgitter. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit importieren die wenigen verbliebenen Stahlhersteller in Deutschland ihr Eisenerz. Sie beziehen den Rohstoff aus Brasilien, Kanada und Südafrika. Hinzu das Recycling von Stahlschrott.

Stand 2024/2025 produzierte man in Deutschland an 25 Orten Stahl. An 8 Standorten gab es noch die klassische Stahlproduktion auf der Basis von Eisenerz, darunter Saarstahl in Völklingen, der Nachfolgebetrieb der Röchlingschen Werke (Völklinger Hütte), und ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt, dem einzigen überlebenden ostdeutschen Hüttenbetrieb. Alle anderen Werke waren Elektrostahlwerke, die auf Stahlschrottbasis arbeiteten. (2)

Meisterhäuser

Meisterhaeuser Voelklingen, Foto: Martin Schramme, 2025 Meisterhaeuser Voelklingen, Foto: Martin Schramme, 2025 Meisterhaeuser Voelklingen, Foto: Martin Schramme, 2025

Als Meisterhäuser ist diese Häuserzeile am Ufer der Saar gegenüber der Völklinger Hütte Ortskundigen bekannt. 1906 errichtet geht es seit Jahren darum, wann die denkmalgeschützten Objekte endlich saniert werden. Im Jahr 2001 hatte die Stadt die Häuser mit Hilfe ihrer Saarland-Immobiliengesellschaft erworben. Von dort gingen sie an die städtische Wohnungsgesellschaft GWS über, welche die Häuser schließlich an einen privaten Investor verkaufte, der nach Darstellung des damaligen Oberbürgermeisters den Eindruck erweckte, das richtige Verständnis für den Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz und die besondere Lage am Saarufer zu haben. Doch auch im Herbst 2025 gab es mit Blick auf die gewünschte Sanierung keine sichtbaren Fortschritte.

Der wesentliche Teil des Gebäudeensembles Saarstraße 9, 11, 13 und 15 im Stadtteil Wehrden ist im Jahr 1906 errichtet worden. Hans Großwendt, Architekt der Völklinger Hütte, hatte sie damals für Direktoren und weitere leitende Angestellte des Stahlwerks entworfen. Großwendt prägte das Baugeschehen in Völklingen während der Jahre 1904 bis 1938.

Wirtschaft in Völklingen vor 1945
Eisenhütte Geislautern (1585-1874, zuletzt ein Zweigwerk der Dillinger Hütte)
Eisenhütte Julius Buch (1873-1879)
Glashütte Fenne (1812-1939)
Grube Luisenthal (Betriebsbeginn 1820, Steinkohle-Bergbau)
Hansena-Brauerei Völklingen-Geislautern (gegr. 1891, 1921 Kauf durch die Schlossbrauerei Neunkirchen)
Kaufhaus Wilhelm Weber, Wilhelmstraße
Kohlen-und Rohproduktenhandlung Schiel & Co.
Röchling'sche Eisen- und Stahlwerke GmbH Völklingen (Röchling'sche Eisen- und Stahlwerke Aktiengesellschaft)
Völklinger Casinogesellschaft (gegr. 1869)
Zweigwerk des Vereins chemischer Fabriken Mannheim in Luisenthal (gegr. 1867, Herstellung von Sodasulfat, Schwefel und Salzsäure)

Quellen
(1) Max-Planck-Institut für Radioastronomie Bonn
(2) Wirtschaftsvereinigung Stahl
(3) picclick.de

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1895
Dorf im Kreis Saarbrücken des preußischen Regierungsbezirks Trier, rechts an der hier kanalisierten Saar, über die unterhalb Völklingens eine eiserne Brücke nach Wehrden führt, an der Einmündung des Köllerbachs in die Saar und den Linien Trier-Saarbrücken-Saargemünd der Preußischen Staatsbahnen und Völklingen-Diedenhofen der Elsaß-Lothringer-Staatsbahnen. Wasserleitung, Gaswerk, chemische Fabrik, Thomasphosphatwerk, Eisen- und Glashütte, Ziegelei und Steinkohlenbergbau.

Links
Völklinger Hütte
Geschichte des Weltkulturerbes "Völklinger Hütte"
Wer war Hermann Röchling?
Geschichte der Stahlproduktion