100 Jahre Niedergang und Gesichtsverlust - Resümee 2022

letzte Aktualisierung: 05.08.2022 | präsentiert von perladesa media

Der Niedergang der deutschen Kultur in Mitteldeutschland ist dramatisch. Erster Weltkrieg, die Verirrungen der Weimarer Republik, das Terrorregime der Nazis, der Zweite Weltkrieg samt Bombenterror, die Besetzung durch Truppen aus USA und Sowjetunion, der Kalte Krieg und die Feindschaft der DDR gegen Kirche und Bürgertum, die Unterwerfung und Ausplünderung seit 1990 durch das westdeutsche Geldregime und die Folgen der Monetarisierung von Umweltschutzkonzepten (speziell Windkraft- und Solarkraft-Werke) haben dieses Land immer aufs Neue eines Teils seiner über Jahrhunderte gewachsenen Identität beraubt. Das zeigt sich exemplarisch an der radikalen Umwandlung und Zerstörung der Architektur in den Industrie- und Stadträumen. Sicherlich entwickelt sich jede Gesellschaft weiter und der Abriss von Bauwerken zugunsten neuer Bauwerke ist auch nicht neu. Neu jedoch sind das Tempo und die Radikalität, mit der das in den letzten 100 Jahren geschah. Doch selbst das allein wäre vielleicht zu verschmerzen, wenn da keine vollständige Entleerung stattfände, die sich in Beliebigkeit, Geschmacklosigkeit, Uniformität und Ideenlosigkeit manifestiert.

Der letzte deutsche Kaiser regierte ein Land, das pulsierte, reich und vielfältig war, das vom Stolz einer Nation kündete, die sich über Jahrhunderte einen vorderen Platz in der Welt erarbeitete mit Kultur und Erfindergeist. Die deutschen Städte präsentierten sich in einer Pracht, die man heute oft nur noch erahnen kann. Als Overtüre kann der Erste Weltkrieg verstanden werden, auch wenn schon am Vorabend des Weltbrandes die negativen Folgen des zu schnellen Wachstums der Städte zu beklagen war, die für das Arbeitsvolk oft nur dunkle, baumlose Hinterhoftristesse übrig hatten. Der in Fragen der Außpolitik, erst Recht beim Vergleich mit Bismarck, völlig dilettantische deutsche Kaiser also ließ sich schließlich zum Krieg mit Frankreich, England und Russland provozieren und verspielte innerhalb von vier Jahren alles, was Deutschlands Ansehen und Stärke einst bewirkte. Um den Jahreswechsel 1918/1919 versank das Deutsche Reich im Chaos. Revolte, Revolution, Notstand. Auf den geistigen Trümmern der Monarchie und dem wachsenden Elend der von Versaille geknebelten Nachkriegsgesellschaft gediehen die Utopien vom neuen Mensch und mit ihnen die Idee von der neuen Stadt. Modernität hieß das neue Schlagwort und die Schule des Bauhauses in Dessau und Weimar war ganz vorne dabei. Dem neuen Denken fielen schrittweise die schönen Fassaden zum Opfer. Die Hässlichkeit des Hinterhofs dehnte sich in die Straßen aus. Schnelles, billiges Bauen wurde populär und mischte sich später bei den Nazis mit völkischem Kitsch.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 und ihren Schlägertrupps von der SA folgte die nächte Welle der massiven Zerstörung von Kultur und Tradition. Das durch jahrhundertelange Einwanderungs- und Durchmischungsgeschichten geprägte Land zwischen Maas und Memel definierte sich nun plötzlich reinrassisch und antijüdisch. Stumpfheit, Massenverblödung und Größenwahn walzten über Feingeist und solide Bildung. Bedeutende Bauwerke wurden zerstört und wichtige Kräfte deutscher Kultur und Geschichte radikal aus dem Land getrieben oder vernichtet. Auf den Rücken von Abermillionen Arbeitssklaven ließ das Reich zahlreiche Monumentalbauten anlegen, die wegen ihrer unfassbaren Ausmaße bis heute einen festen Platz in der Industrie-, Wirtschafts-, Militär- und Architekturgeschichte haben. Die rücksichtslose Vergewaltigung deutscher Städte und Natur ist das eine, eine gruselnde Faszination ist das andere. Geschmack und Maß sind verloren gegangen.

Massiven Schaden nahmen viele deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg (1939-1945). Die Männer um Arthur Harris perfektionierten ihr infernalisches Zerstörungswerk, das sie als "Moral Bombing" zu rechtfertigen suchten. Die Rechtfertigung mit dem deutschen Angriff auf Coventry ist nicht haltbar. Denn die Stadtväter von Coventry schreiben heute selbst: "The aid raid on Coventry on the night of 14 November 1940 was the single most concentrated attack on a British city in the Second World War." Es war letztlich der einzige deutsche Bombenangriff auf England, der mit dem vergleichbar ist, was die Menschen in Deutschland erlebten. Die angloamerikanische Bomberflotte samt Begleitschutz setzte 1,34 Millionen Mann und fast 28.000 Maschinen ein. Bei 1,44 Millionen Bombenflügen warfen sie 2,7 Millionen Tonnen Bomben auf das Deutsche Reich. 25 Millionen Menschen (bei rund 80 Millionen Einwohnern) waren von den Folgen der Angriffe betroffen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 ging die Zerstörung der deutschen Wirtschaft, Architektur und Kultur munter weiter. Zunächst schleppten die Alliierten geistige Kapazitäten und Material aus dem Land, demontierten ganze Betriebe und nahmen komplette Eisenbahnstrecken mit. Dann etablierten sie schrittweise oft an Hässlichkeit kaum zu überbietende Zweckbauten, nicht selten mit im Herz der vom Bombenkrieg zerschundenen deutschen Städte. Die Umerziehung der Deutschen zu treuen Vasallen fand zunehmend auch seinen Ausdruck in Formen und Strukturen, welche die eigene Geschichte und Größe vergessen machten. Die technische Entwicklung, fortschreitende Globalisierung und insbesondere die wachsende Automobilität entkernten das einst figurbewusste Land zwischen Oder und Rhein zum Degenerat geschmackloser Profitmaximierung und kulturlosen Massenkonsums.

Dann kam die Treuhandanstalt (THA) im Zuge der Einverleibung der DDR durch die BRD. Gegründet als Verwahr- und Schutzanstalt für das Volkseigentum des sozialistischen Staates wurde die Anstalt durch Westberater noch vor der Vereinigung der 40 Jahre getrennten Teile des deutschen Vaterlandes zum Privatisierer und Liquidator umfunktioniert. Was folgte war eine Vernichtung von Eigentum und Steuergeldern in kriminellem Ausmaß. Dazu sind inzwischen mehrere Bücher erschienen. So fasst Yana Milev, auf den Politikwissenschaftler Herbert Graf verweisend, in ihrem Buch "Das Treuhandtrauma" folgende Bilanz zusammen: Rund 8500 DDR-Betriebe mit mehr als vier Millionen Werktätigen gerieten unter westdeutsches Kuratel. Betroffen waren zudem 40.000 Geschäfte und Gastwirtschaften sowie unter anderem Hotels und Ferienheime, Krankenhäuser, Polikliniken, und Parteieigentum. 250.000 laufende Meter Akten hat die THA produziert, weil die Akten jedoch bis 2020 unter Verschluss blieben, konnte Vieles bisher nicht aufgearbeitet werden. 80 Prozent des Eigentums ging an Westdeutsche. 50.000 Tonnen druckfrische Bücher der DDR-Verlage wurden vernichtet. Für die meisten DDR-Betriebe endete das Treiben der THA mit der Liquidation. Viele traditionsreiche Fabriken standen binnen weniger Jahre still und leer und oft waren die historischen Bauwerke endgültig dem Verfall preisgegeben.

Auch die Privatisierung der Deutschen Bahn bedeutete für viele historische Bauwerke das endgültige Aus. Nach der Fusion von Reichsbahn (DDR) und Bundesbahn (BRD) begann 1994 das Abenteuer als Aktiengesellschaft und seit 2004 versucht der Bund, die Bahn zu privatisieren. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Frage, wie man die gigantische Infrastruktur im Sinne des profitorientierten Kapitalmarktes verschlanken könnte. Die letztlich absurde und in England bereits gescheiterte Idee führte zu einem regelrechten Abverkauf von Bahnimmobilien oder deren Abriss. Zahlreiche Bahnhöfe waren bereits stillgelegt und verfielen in der Folge weiter.

2005 stieg der Ausbau der Photovoltaik sprunghafte an. Überall entstanden Solarkraftwerke. Dafür brauchte man große Flächen. In der Folge kam es zu intensiven Abrissaktivitäten auf bebauten industriellen Brachflächen, die bereits viele Jahre verfielen. Statt die Vernichtung eines ganze Jahrhunderts kritisch zu begleiten beteiligte sich die ortsansässige Presse zumeist mit dem immer gleichen Klagelied über "Schandflecke", die doch endlich verschwinden mögen. Andererseits kann es kaum überraschen, wenn nach Jahren des Wartens und Pleiten, Pech und Pannen mit Spekulanten, falschen Versprechen und anhaltendem Vandalismus samt Brandstiftung irgendwann der Geduldsfaden reißt.

Geschichtsvergessenheit und Vandalismus nahmen im Laufe der vergangenen 20 Jahre immer dramatischere Züge an. Viele schutzwürdige Orte waren 2022 verschwunden oder so stark zerstört, dass man nicht mehr von Patina, sondern nur noch von Müllhalden sprechen konnte. Falsche Versprechen, dreiste Spekulationen, Ideenlosigkeit und Lethargie mündeten vielfach in die Erfüllung der Kohl-Rede von den blühenden Landschaften, nur dass nicht die Wirtschaft, sondern die Natur blühte. Die technische Entwicklung hat den Prozess beschleunigt. Überall Internet, brauchbare Handyfotos für Jedermann, Tracking, Google Maps und Co lenkten immer mehr Aufmerksamkeit auf die teilweise fast vergessenen Orte. Gepaart mit wachsender Respektlosigkeit, Langeweile und dem in Teilen der Gesellschaft geradezu zelebrierten Selbsthass gegen alles Deutsche hat für viele Objekte die letzte Stunde geschlagen.

Derweil gibt es auch etliche Beispiele, wo teilweise sehr große Industriebauten 2022 saniert und in eine neue Nutzung überführt waren. Allerdings ist dort oft zu beklagen, dass die Bauwerke totsaniert und mitunter grässlich hässlich modernisiert worden sind.

Links
Coventry Blitz

Quellen
coventry.gov.uk
Der zivile Luftschutz im Zweiten Weltkrieg, Dokumentation und Erfahrungsbericht über Aufbau und Einsatz, bearbeitet von Erich Hampe, Präsident der Bundesanstalt für zivilen Luftschutz a.D., Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt am Main 1963

 

Patifakte © 2010- / Kontakt
mata media © seit 2020
Für alle Bilder und Texte gilt das deutsche Urheberrecht!
Publishing only with the permission of the artifacts-project-leader Martin Schramme!