Wittenberge (Brandenburg)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Genehmigung!
letzte Änderung am 09.08.2020

Wittenberge positioniert sich zwischen Berlin (160 km) und Hamburg (170 km). Dass das nicht nur heiße Luft ist, beweist die Stadt an der Elbe. Die Wirtschaftsgeschichte ist bemerkenswert und nach dem wirtschaftlichen Niedergang in den 1990er Jahren hat sich der Ort berappelt mit sehenswerten Konzepten.

Nähmaschinenwerk Singer und Veritas

Naehmaschinenwerk Singer und Veritas in Wittenberge an der Elbe, Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020 Foto: Martin Schramme, 2020

Singer-Nähmaschinen sind ein Begriff. Sie stehen für Qualität. Veritas-Nähmaschinen erfreuten sich nicht nur in der DDR großer Beliebtheit. Beide Namen stehen für eine Erfolgsgeschichte in Wittenberge, die 1901 begann und 90 Jahre später endete. Wie alles begann: Im Mai 1901 kontaktierte der Weltkonzern Singer aus den USA Entscheider in Wittenberge. Ihr Begehr: Ein Grundstück an der Elbe für den Bau einer Nähmaschinenfabrik. 1850 hatte der deutschstämmige Isaac Merritt Singer die erste praktische Nähmaschine der Welt erfunden und sich seine Erfindung als Markenprodukt patentieren lassen. Sein Landsmann Elias Howe hatte die Vorarbeit geleistet. Im Jahr darauf startete er die Produktion seiner Nähmaschinen und kaufte binnen kürzester Zeit dem vor ihm gestarteten Franzosen Barthélemy Thimonnier den Schneid ab. 1855 räumte Singer bereits einen ersten Preis auf der ersten Weltausstellung in Paris ab. 1860 startete Singer seinen Produktionsstandort in Hamburg. 1889 brachte das Unternehmen die erste elektrische Nähmaschine auf den Markt und beherrschte 1890 den Weltmarkt mit einem Weltmarktanteil von 90 Prozent. Dieser Singer also beehrte Wittenberge. Im April 1903 war Grundsteinlegung, im Juli 1904 Produktionsstart. Schrittweise wurde die Fabrik ausgebaut. Sie besaß letztlich unter anderem eine eigene Gießerei und eine große Kai-Anlage an der Elbe. Singer stand in großen Lettern auf mehreren Gebäuden. 1919 fanden die Amerikaner in dem Deutschen Willi Starcke den Mann, der Singer Wittenberge zur modernsten Nähmaschinenfabrik in Deutschland entwickelte. Trotz des Quasimonopols von Singer war das eine beachtliche Leistung, denn überall wetteiferten die Konkurrenten, darunter die Nähmaschinenfabrik vorm. Gritzner & Co. AG in Durlach, Kochs Adlerwerke AG in Bielefeld sowie Seidel & Naumann in Dresden. Viele Konkurrenten produzierten früher oder später auch Fahrräder, Schreibmaschinen, Motorräder und Automobile. 1928 setzte Singer in Wittenberge auch ein optisches Signal: Ende Oktober war Richtfest für die größte freistehende Turmuhr auf dem europäischen Festland. 1938 stellte der Betrieb auf die Kriegsproduktion um. 1939 tat Singer das gleiche in den USA. Singer engagierte sich auch sozial und wirkte aktiv in die Gesellschaft hinein unter anderem mit dem Druck eines Stundenplans für Schüler.

Die fabrikmäße Produktion von Nähmaschinen lief dann 1949 wieder an. 1955 wurde das Warenzeichen "Veritas" eingeführt. Singer war für die DDR Geschichte. Stattdessen lief die sozialistische Produktion im Volkseigenen Betrieb VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge, der schließlich Teil des Kombinats Textima wurde. 1957 begann die Produktion der Nähmaschinen mit dem selbstentwickelten Baukastensystem. Ab 1973 bauten die Wittenberger das Modell 8014/29, die erfolgreichste Maschine der Veritas-Serie. Zu Spitzenzeiten hatte das Werk 3200 Arbeiter und Angestellte. Insgesamt verließen mehr als 14 Millionen Nähmaschinen das Werk.

1991/1992 liquidierte die Treuhandgesellschaft die bis dahin modernste Nähmaschinenfabrik der Welt, die sich als erfolgreichster Nähmaschinenproduzent in West- und Mitteleuropa etabliert hatte. Die Nähmaschinen-Industrie im Westen war auf dem absteigenden Ast. Es sprach also einiges dafür, die Konkurrenten aus dem Osten auszuschalten.

Geschichtsbewusste Fans der internationalen Nähmaschinenproduktion gründeten bereits 1976 den Veritasklub. Er bezeichnet sich selbst als "die einzige Institution, die das verbliebene Erbe des ehemaligen Singer-Veritas Nähmaschinenwerkes in Wittenberge/Deutschland wissenschaftlich erforscht, bewahrt, pflegt und verwaltet." Der Klub hat sich demgemäß zahlreiche Urheberrechte gesichert.

Trivia: In vino veritas (Im Wein liegt die Wahrheit), lautet ein bekannter Trinkspruch. 2020 erhielt Wittenberge einen Nähmaschinenspielplatz. Weitere Neuigkeiten von Veritas finden Sie hier.

Ölmühle

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Es waren offenbar etliche Auswärtige, die in Wittenberge die wirtschaftliche Entwicklung vorantrieben. Im Falle der Ölmühle war es ein Kaufmann aus Berlin, der am dortigen Elbufer eine Ölmühle aufbaute und Deutschlands erste Ölhandelsgesellschaft. Das Unternehmen stellte vornehmlich Öle her, die als Leucht- und Schmiermittel Verwendung fanden. Speiseöle waren seltener. Die Elbe war ideal für den Aufbau eines internationalen Handels, der unter anderem bis nach Russland und Indien reichte. 1856 fiel die gesamte Ölfabrik den Flammen zum Opfer.

Speicher Wittenberge, Kornhaus

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Bis 2013 waren die Kornspeicher und Silos am Elbhafen in Wittenberge als Lagerort für Saaten in Benutzung.

Wasserturm erbaut 1903/1904

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1903/1904 bekam Wittenberge ein Wasserwerk bzw. eine Wasserversorgung: Dazu gehörten das Wasserleitungsnetz, ein Maschinenhaus und ein Wasserturm (siehe Bilder).

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Fertighausbau, Wittenberge
VEB Haushaltreiniger Wittenberge (Produkte: u.a. Allzweckreiniger "Allesrein")
VEB Heimtextilien Wittenberge
VEB Märkische Öl- und Fettwerke Wittenberge
VEB Nähmaschinenwerk Veritas Wittenberge, Bad Wilsnacker Str. 48
Reichsbahn-Ausbesserungs-Werk Wittenberge (RAW)
VEB Zellstoff- und Zellwollewerk Wittenberge (im Kombinat CFK Schwarza)

Wittenberge in Meyers Handlexikon der DDR von 1977
Stadt an der Elbe, Zellstoff, Zellwolle, Nähmaschinen, Öl, Bekleidung, Reichsbahnausbesserungswerk, Hafen, Banknoten.

Wirtschaft und Leben in Wittenberge vor 1945
Ernst Burckhardt Fabrikation chemisch-technischer, cosmetischer und photographischer Präparate (Drogen, Farben, Chemikalien, Parfümerien)
Erste Wittenberger Dampf-Seifen-Fabrik Schumann & Wille (gegr. 1900, Fabrikation von Haus- und Toiletten-Seifen, Seifenpulver, Glycerin-Fabrik, eigenes Anschlussgleis)
Franz Wernicke Seiden-Handlung, Lager feinster Manufactur- und Modewaaren (Lager von Velours- und Brüssel-Teppichen, Bettzeuge, Damaste, Prima Herrenhuter Leinen, Schweizer, englische und deutsche Gardinen, Halbleinen, Hemdentuche und Dowlas, Anfertigung feiner Herren-Garderobe, Tuche und Buxkins, Regenschirme, Wachstuche, sämmtliche Wäscheartikel, Bettfedern- und Daunen-Handlung, Rouleaux)
Gebrüder Tesmer Seifen- und Parfümeriewaren-Fabrik (gegr. 1846, Fabrikation von Fass-Seifen, Riegel-Seifen, Toiletten-Seifen, Seifen-Pulver, Chemikalien)
Kurmärkische Zellwolle und Zellulose Aktiengesellschaft, Wittenberge
Märkische Oelwerke AG (Herz Oelfabriken Wittenberge AG, Herstellung pflanzlicher Oele unter anderem aus Mohnpflanzen, Rüben, Soya-Pflanzen und Sonnenblumenkernen)
Otto Lindemann Fabrik feiner Fleisch- und Wurstwaren, Wittenberge, Bismarckstr. 36 (Rind- und Schweine-Schlächterei, elektrischer Betrieb)
Paul Koch Agenturen und Grosshandlung Wittenberge, Bürgerstr. 27 (Sarotti, Böhme, Clemen, Mauxion)
Singer Nähmaschinen Aktiengesellschaft Fabrik Wittenberge (gegr. 1903, Singersche Fabrik, Singer-Nähmaschinen-Fabrik, The Singer Manufacturing Co. Fabrik Nr. 9 Wittenberge)
Wittenberger Fettwaren-Fabrik Robert Krause (Chemische Fabrik, Maschinenöle und Wagenfette, Import russischer, amerikanischer und englischer Mineralöle, farbiges Carbolineum, rother Dachlack, Geschirr-, Huf-, Treibriemen- und Kammräder-Schmiere, Firniss, Talg, Nähmaschinen-, Patent-Achsen-, Leder- und Vulcan-Oel, Baumöl, Tran)

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1895: An der Elbe, unweit des Einflusses der Stepenitz, an den Linien Berlin-Wittenberge-Hamburg, Wittenberge-Lüneburg, Stendal-Wittenberge der Preußischen Staatsbahnen und der Wittenberge-Perleberger Eisenbahn. Telegraph, Fernsprecheinrichtung, eine großartige Elbbrücke (1590 m lang), 1851 von von Unruh mit einem Kostenaufwand von 4 3/4 Mill. M. erbaut. Eisenbahnhauptwerkstätte, Woll-, Tuch-, Shoddy-, Fett- und Ölfabrikation, Ziegelei, Fischerei,, lebhafte Schiffahrt und Transithandel.

Begriffslegende
Dolaws = glatte, strazierfähige Textilie ählich einem Bettlaken
Kombinat = Zusammenschluss oder auch Kombination vieler Betriebe in der DDR nach dem Vorbild der Sowjetunion
Shoddy = Reißwolle, Lumpenwollen (engl.)

Quellen
naehmaschinenwerk.de
oelmuehle-wittenberge.de
picclick.de
singer.com
veritas-park.de