Gießen (Hessen)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 27.09.2020

Gießen ist eine westdeutsche Stadt an der Lahn. Weltweite Bekanntheit erlangte der Ort durch die Fliesen der Firma Gail. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt starke Zerstörungen, die sich durch radikale Stadterneurungsmaßnahmen nach Kriegsende fortsetzten. Historische Bauwerke wie das alte Rathaus fielen dem Abrisswahn zum Opfer, obwohl sie nicht so stark beschädigt waren, dass man sie nicht hätte wieder aufbauen können. Maßgeblichen Einfluss auf das Leben und die Entwicklung Gießens hatte in jener Zeit, dass Truppen der US-Armee und der US-Luftwaffe sich am Ort festsetzten und unter anderem die Sondermunitionslager Gießen und Alten-Buseck einrichteten, wo sie auch Atombomben einlagerten und eine Raketenstellung für Marschflugkörper einrichteten. In Gießen befindet sich seit 1972 das einzige Kopierwerk des japanischen Fototechnikherstellers in Europa. Für Hunderttausende Bürger der DDR war Gießen die erste Station nach Flucht und Übersiedlung vom Osten Deutschlands in den Westen.

Keramikfabrik und Tonwerke Gail (gegr. 1891/92)

Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020 Gail Keramik, Foto: Martin Schramme, 2020

Wilhelm Gail gründete 1891/92 die "Gailschen Dampfziegelei und Thonwarenfabrik". Die Fabrik entstand als zweites Standbein neben der Tabakfabrik von Wilhelms Großvater Georg Philipp Gail. Das Unternehmen wuchs stetig, so dass es 1914 rund 250 Arbeiter gab, 1960 schon 800 und 1980 sogar 1600. In den 80er Jahren wurden 20 Tonnen Fliesen am Tag verladen, von Hand, wie die "Gießener Allgemeine" am 17. Juli 2020 berichtete.

Nach dem Erfolg kam der Niedergang. Zusammenlegungen und Eigentümerwechsel endeten 1997 mit der Insolvenz von Gail. Gießen verlor die Produktion, nur die Verwaltung blieb am Traditionsstandort. 2002 kam es zur Neugründung. Im Handelsregister war Gail 2020 als Gail Ceramics International GmbH zu finden am Standort Pohlheim im Landkreis Gießen. Über den Zweck der Firma stand dort unter anderem Folgendes: "Industrielle Produktion und der Vertrieb von eigenen oder fremden keramischen Produkten jeglicher Art und Beschaffenheit für das Baugewerbe (Hoch- und Tiefbau), die industrielle Produktion und der Vertrieb von eigenen oder fremden Materialien und Produkten jeglicher Art und Beschaffenheit."

Das Kapitel Gail in Gießen ist seit dem 15. April 2020 endgültig abgeschlossen. Die neue Firma Gail ist auf dem internationalen Keramikmarkt tätig. Das Unternehmen hat seine Fliesen unter anderem für die Olympischen Spiele in Peking (China) und Sydney (Australien), für den Elbtunnel und für den US-amerikanischen Raumgleiter Space Shuttle geliefert.

Tongruben gehörten von Anfang an mit zum Unternehmen Gail. Der Ton am Schiffenberg in Gießen war leicht abzubauen und galt zudem als besonders hochwertig. Der Ton wurde 2020 noch immer unweit des ehemaligen Gail-Geländes abgebaut. Doch was einst Sache der Deutschen war, die Marktführerschaft bei der Fliesenproduktion, ist jetzt Sache der Italiener und so geht der meiste Ton aus Gießen nach Italien.

Inzwischen gibt es diverse Nachnutzungen auf dem alten Gail-Gelände. Größter Akteur ist jetzt der Zoll. Doch die ältesten Gebäude standen im Sommer 2020 leer.

Luftschutzbunker vom Typ Winkel

Im Stadtgebiet von Winkel sind mehrere Luftschutzbunker vom Typ Winkel erhalten geblieben. Sie stammen aus der NS-Zeit, als auch Gießen massiven Bombardements ausgesetzt war. Die wie Raketen anmutenden Stahlbetonbauwerke sollten die Menschen vor dem Bombenterror schützen. Im Dezember 1944 vernichteten die Engländer den kompletten historischen Stadtkern, indem sie einen Feuersturm entfachten. Intakt blieben hingegen kriegswichtige Objekte wie Bahnanlagen und etliche Militärobjekte. Etliche derartige Bunker sind unter anderem auch in Wünsdorf (Land Brandenburg) zu finden.

Wirtschaft in Gießen vor 1945
Apotheker Friedrich Pascoe – Pharmazeutische Präparate (seit 1918 in Gießen, gegr. 1895 in Mülheim an der Ruhr, Naturmedizin-Hersteller)
Barby & Kühner Messinstrumente-Fabrik, Zweigbetrieb Gießen, Wilhelmstr. 25
Brauerei Textor (gegr. 1859)
Cigarren-Fabriken Julius Nattmann (gegr. 1867)
Dampfwäscherei Edelweiß (gegr. 1898)
Eierteigwarenfabrik Gießen Gmbh
E. R. Niederhausen u. Co. Giessen, Bahnhofstr. 49 (Büro-Maschinen und Organisationsmittel, Spezialwerkstatt für alle Büromaschinen)
Eugen Dürr & Co., Holzhandlung, Gießen (Wirtschaftskontakte unter anderem zur Suhlfabrik in Geringswalde)
Gailsche Dampfziegelei und Tonwarenfabrik (gegr. 1891)
Gebrüder Windecker Colonialwaaren
Georg Philipp Gail AG Zigarren-Fabriken Giessen (gegr. 1812, Georg Philipp Gail Rauchtabak-Kautabak- und Cigarren-Fabriken, Cigaretten)
Gg. Heinr. Schirmer Zigarren-Fabriken (gegr. 1825)
Gießener Braunsteinwerke
Gießener Stempel- und Farben-Fabrik Joseph Kreuter, Gießen
Gummifabrik Poppe & Co.
Hermann Welcker & Co. Oel- und Fett-Fabrik
Heyligenstaedt &. Comp. Werkzeugmaschinenfabrik und Eisengießerei AG Giessen (Herstellung neuzeitlicher Werkzeugmaschinen wie Bohrmaschinen, Drehbänke, Hobel- und Shapingmaschinen)
J.B. Häuser Eisenwaren-Grosshandlung (Elektroherde und Öfen)
Klinkels Mühle (seit 16. Jahrhundert, Industrieobjekt seit 1870er Jahren)
Margarethenhütte (gegr. 1873)
Maschinenfabrik Heyligenstaedt (gegr. 1876, Bohrmaschinen, Drehbänke, Hobelmaschinen, 1932 von Rinn & Cloos übernommen)
M. Ch. Mühlstein, Jutegewebe und Säcke-Fabrik (Grosshandlung neuer und gebrauchter Säcke, wasserdichte Wagenplanen und Pferdedecken)
Metallwarenfabrik Bänninger (gegr. 1909, Fittings und diverse andere Metallwaren)
Motor- und Fahrzeugfabrik Aktiengesellschaft Gießen (gegr. 1923)
Oberhessische Aktiengesellschaft für Bergbau und Hüttenbetrieb zu Gießen (gegr. 1865)
Papierhaus Ernst Balser, Buch- und Papierhandlung, Bürobedarf, Büromöbel, Büromaschinen, Elektrische Lichtpausanstalt
Rinn & Cloos AG Heuchelheim-Giessen Zigarren-Fabriken (Riclo)
Schlachthof Gießen (gegr. 1885, Umbau 1908 bis 1913)
Schunk & Ebe Kohlenb&uum;lrsten- und Bürstenhalterfabrik (gegr. 1913 in Fulda, 1918 Wechsel nach Heuchelheim bei Gießen)
Wilhelm Wallenfels Sohn, Gießen (gegr. 1827, Weingrosshandlung, Likörfabrik)
Zigarren- u. Tabak-Fabriken C. Klingspor GmbH

Eintrag im Brockhaus von 1894: Hauptstadt der hessischen Provinz Oberhessen am linken Ufer der Lahn und an den Linien Cassel-Frankfurt M., Deutz-Gießen, Koblenz-Ems-Gießen der Preußischen Staatsbahnen, Gießen-Fulda und Gießen-Gelnhausen der Oberhessischen Eisenbahn. Die Industrie erstreckt sich auf Eisengießerei und Maschinenfabrik, elektrochemische Metallschneideanstalt, mechanische Baumwollweberei, Spinnerei, Weberei, Bierbrauerei, mechanische Werkstätten sowie Fabrikation von Chemikalien, Lack, Essigsprit, musikalischen Instrumenten, Lampen, Möbeln, vor allem aber von Tabak und Zigarren (22 Fabriken).

Quellen
giessener-allgemeine.de
hwph.de
industriekultur-mittelhessen.de
picclick.de